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Mai 2021 - Back to the roots

Im Mai ging es bei mir drunter und drüber. Von außen betrachtet mag alles seinen gewohnten Lauf genommen haben – von der Krankheitsphase am Anfang einmal abgesehen –, aber in meinem Kopf herrschte das reinste Chaos.

Die Symptome waren: Unruhe, zunehmender Konzentrationsmangel und Unzufriedenheit. Ein Infragestellen der Welt, das Aufwerfen von existenziellen Fragen und im Ergebnis Antriebslosigkeit. Für mich starker Tobak, denn so kenne ich mich nicht. Den Sinn des Lebens zu ergründen und für mich zu definieren, hat mir früher immer Spaß gemacht. Also gab es die Angst vor dem Verlust meiner Identität, dieses Konstrukts, für das ich mich selbst halte, und ein gemindertes Selbstwertgefühl gleich inklusive.

Kurzum, ich habe an allem und jedem gezweifelt, hatte seltsame Stimmungsschwankungen und war sehr quengelig. Jetzt könnte man auf die Idee kommen, dass dieser Zustand vielleicht ein Ausläufer der zwei Wochen Krankheitsphase gewesen sind, wenn ich nicht zugeben müsste, dass sich diese gedanklichen Gebilde schon in den letzten Monaten langsam bei mir eingeschlichen haben. Vielleicht ist es die Quarterlife Crisis? Möglicherweise, aber viel wichtiger ist die Frage: Was macht man in einer solchen Situation? Wieder das ganze Leben infrage stellen, mit sich hadern, wann man falsch abgebogen ist und sich verrannt hat, und an seinen Entscheidungen zweifeln? Ja, das oder man meldet sich von den Social Media ab.

Hä?

Ehrlichweise muss ich sagen, dass ich erst drei Tage abstinent bin und zunächst für einen Monat meine „Social-Media-Ferien“ ausgerufen habe, weil mir der ständige Input zu viel wurde. Ich habe auch selbst nicht gedacht, dass es – na ja – irgendwie die Ursache sein könnte. Ich wollte einfach etwas Ruhe haben, aber die Macht dieser Entscheidung ist sagenhaft! Bereits, als ich diesen Entschluss gefasst habe, ging es mir schlagartig blendend, als wollte mein Hirn mir sagen: "Endlich schnallst du’s!" Der Aufwind, auf den ich so lange gewartet habe, kam über mich. Den ganzen Tag habe ich mich darauf gefreut, Winke-Winke zu machen und diesen „Bis Juli, Ihr Lieben“-Post abzusetzen, und zack mir geht's noch besser.

Zufall? Das wird der Juni zeigen, aber schon jetzt erkenne ich an meinem Verhalten einen deutlichen Unterschied. Ich bin weniger gereizt und gedanklich irgendwo anders unterwegs als im Raum bei den Anwesenden. Ich schaffe es, wieder genug Konzentration aufzubringen, um mehr als zwei Absätze am Stück zu lesen, was zuletzt ziemlich nervig war, und das Bling-Bling meines Handys reißt mich ohne Apps auch nicht mehr aus meinem Gedankenfluss, sollte ich endlich wieder hineingetaucht sein. Es ist der Wahnsinn.

Wie viel Zeit die SM (tolle Abkürzung, ich weiß 😁) fressen, merkt man tatsächlich erst, wenn man während der kleinen Zeitpuffer, die sich hier und da im Laufe des Tages ergeben, eben nicht „noch eben“ am Handy hängt und sich das Leben der anderen anguckt. Rückblickend erscheint es mir selbst wie ein Rätsel, dass ich in den Jahren 2017 und 2018 40 Stunden arbeiten gegangen und 12 Stunden Auto in der Woche gefahren bin, einen berufsbegleitenden Master absolviert habe, der sich zusätzlich bzw. zeitweise mit einem Samstagskurs fürs Examen geschnitten hat, sodass ich hier sogar jedes Mal überlegen musste, zu was ich gehe – Uni oder Kurs –, um den fehlenden Stoff hinterher nachzuarbeiten, geheiratet habe und trotzdem 900 Seiten aufs Papier bringen konnte. Die Antwort ist denkbar einfach: Ich hatte weder einen aktiven Account auf Facebook noch einen auf Instagram. Als Teenie habe ich nie groß Gefallen daran gefunden. Hier und da habe ich zwar einen Account erstellt, aber mich nach einer Woche Nutzung nie wieder oder nur sporadisch eingeloggt, um festzustellen, dass das Leben da draußen viel spannender ist. Deshalb habe ich mir Facebook und Instagram erst 2019 zwecks Eintritt in die "Book Bubble" aktiv zugelegt und da hat die Abwärtsspirale begonnen, gegen die ich anfänglich noch gut ankam, aber die mich insbesondere in den letzten Monaten ziemlich getriezt hat.

Male ich den Teufel jetzt an die Wand? An all meinen Problemen sollen die SM schuld sein? Das vielleicht nicht, aber wenn ich mich selbst analysiere, die zeitliche Komponente bedenke und meine konkreten Gedanken in den letzten Wochen, kann  schon einiges darauf zurückzuführen sein.

Ich hätte auch nie gedacht, dass ich so heftig reagiere – in die eine oder andere Richtung. Als halbwegs gestandener und vielseitig interessierter Mensch sind mir die „Risiken“ der Nutzung von SM natürlich nicht fremd und ich habe mich gut gewappnet gesehen. Was soll diese als „Scheinwelt“ betitelte Instagram-Welt mir schon anhaben? Ich weiß, dass die reale Welt anders aussieht und was ich kann. Wer ich bin. Dem Bewusstsein ist das prinzipiell auch klar, aber ich fürchte, mein Unterbewusstsein ist nicht imstande diese Unterscheidung zu treffen, und das hat auch noch ein Wörtchen mitzureden. Denn dieses Selbstbewusstsein – „Macht Ihr, was Ihr wollt, ich mache mein Ding!“ – habe ich ganz schleichend verloren. Statt mich auf mich und meine Geschichten zu konzentrieren, starre ich stundenlang auf (z.T. auch nur scheinbare) Erfolge, die ich nicht vorweisen kann, like wie wild und kommentiere, um irgendwie vom Algorithmus emporgehoben zu werden.

Gleichzeitig mache ich mich selbst auf eine Weise von der Wertung anderer abhängig, die nichts mit dem zu tun hat, worum es mir geht: meine Geschichten. Über meine Bücher kann ich nämlich nur hypothetisch sprechen und was bleibt, bin nur ich. Ich biete ausschließlich meine Persönlichkeit dar und einen Alltag, der irgendwie Instagram-tauglich dargestellt werden muss, um zu gefallen. Dabei bin ich außerstande nachzuvollziehen, weshalb es ein Bild schafft, das Interesse zu wecken, und ein anderes vielleicht nicht, obwohl Bild A schnöde und der Text langweilig ist und Bild B mir persönlich sehr am Herzen liegt, weil da viel mehr Einfallsreichtum drin steckt. Diese Willkür zu verstehen oder über sie hinwegzusehen, kostet ebenfalls Zeit und Nerven, die ich brauche um fit und glücklich zu sein.

Insgesamt bleibt es ein schwieriges Thema. Denn klar ist, dass ich als Autorin tatsächlich nicht gänzlich auf SM verzichten kann. Das gehört zum Job dazu, weil es der perfekte Ort ist, um mit seiner Zielgruppe Kontakt zu haben und Marketing zu betreiben, aber ich fürchte, ich gehöre wahrscheinlich niemals zu denen, die einen Buchvertrag bekommen, weil sie viele Follower haben. Ich werde höchstens mal viele Follower bekommen, weil ich tolle Bücher schreibe. 

Im Moment sind die SM für mich ausschließlich ein Hemmstoff, weshalb ich meine "Social-Media-Ferien" genießen werde, um wieder zur alten Energie zurückzufinden. Ganz analog und Old School, wie früher eben.

 

Nach drei Tagen sind die Akkus schon so weit wieder aufgeladen, dass ich mich bereits für das nächste Projekt nach dem Sprecherkurs angemeldet habe, um meinen unstillbaren Wissensdurst zu befriedigen. Es ist kein Schreibkurs, so viel gebe ich preis, aber worum es konkret geht, verrate ich erst im nächsten Monatsbericht. 😁